Das Comicmuseum Erlangen bat mich um einen Lebenslauf. Ich recycle ihn hier in erweiterter Version. Also. Name: Sven Knoch Künstlername: Sven K. Name des Blogs/ Der Seite: Ivys Bar Erscheinungsdatum: seit 1997 Kurzer Lebenslauf:

Die Comics mit Ivy zeichne ich seit 1991. Ivy wurde geboren in untervögelter Zeit während weitgehend besoffener Aufenthalte in Krakau. Die romantisch-pragmatische Seele von Piotr Skrzynecki, Chefs des Krakauer Kabaretts Piwnica Pod Baramnami und mein Freund, wie ich gern in jeder Hinsicht trunken, war mir damals Ermutigung und ist mir bis heute Ansporn. Meine1992-er Cartoonausstellung in seinem Kellerkabarett war meine erste große Ausstellung überhaupt und alle Exponate wurden geklaut. Man sagte mir, das sei ein gutes Zeichen. Oder waren es vielleicht doch nur die Alurahmen?

Meine Eltern haben uns Kinder früher dauernd ungezogen wegen Papas Karriere, ich hab deswegen nie irgendwo Fuß gefasst. Resultat: Ich mag Menschen, nur die ganzen Leute machen mich nervös. Deswegen 1989 als gelernter Schauspieler und Pantomime umgesattelt auf autodidaktischer Grafiker und Comiczeichner, da ist man bei der Arbeit allein.

Außerdem habe ich authentisch immer über kommerziell gestellt. Eine Bauchentscheidung, denn natürlich hätte ich gern von Anfang an Geld mit Comics verdient. Und dann wie Claire Bretécher (die französische Ralf König) mit nonchalantem Understatement sagte: „Geh mir weg mit Botschaft. Ich zeichne, um meine Brötchen zu verdienen.“ Ich dagegen hatte immer zuerst den Anspruch, Geschichten zu erzählen, am liebsten in vier Bildern. Ich bin auch von Anfang an bereit, mit Szenaristen zu arbeiten, nur habe ich bis heute nicht meinen Goscinny getroffen, was ich etwas schade finde, denn zeichnen fällt mir leichter als das Szenarienschreiben.

Die Verlage

So zeichne ich seit dreißig Jahren meine Comics von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Wobei ich es ja schon immer mal wieder versuche, rauszukommen. Die Resultate sind lustiger als viele Comics. Es gab einen Verleger, der wollte, dass ich Ivy “Püppi” nenne, einen anderen, der wollte, dass sie nicht auf Formentera, sondern auf Malle Urlaub macht und am Ballermann ihre Bar hätte. Twitter nennt meine Comics “obszön”, jedenfalls darf ich wegen “obszöner Sprache” gerade auf Twitter keine Werbung schalten. Dabei sieht man seit einiger Zeit Ivys Nippel nicht mehr – auch das der Wunsch eines Verlegers: “Sexy, ja bitte, aber bitte ohne Nippel.“ Es gab auch Verleger, die mehr wollen, viel nackt, Sex und Gags. Ein Kölner Kleintheaterchef ließ eine Flasche Schampus entkorken und näselte dann euphorisch: “Also, Deine Strips müssen unbedingt ins Hustler-Magazin”. Leider hatte er keinerlei Kontakt zu Larry Flint und seiner Postille, die die Muschis seiner Wichsvorlagen noch vor Photoshop mit Pelz zuretuschierte, um durch die Zensur der Bahnhofskiosks zu kommen (ich weiß nicht, was die heute tun, wo niemand mehr Pelz trägt). Es gab natürlich auch die klischeehafte unengagierte Absage des Verlags, der auch noch meinen Namen falsch schrieb. Und schließlich gab es auch eine deutsche Verlegerlegende, einen alten Mann, der mir erst schmeichelte, indem er mich volle Breitseite ankumpelte und stolz deklamierte, bei ihm liefe alles nur per Handschlag, und der dann wollte, dass ich fünfstellig Kohle auf den Tisch lege, bevor zu arbeiten anfängt. Aber ich war tatsächlich pleite, und es wurde nix aus Ivy und der Verlegerlegende. Und es gab auch den Typen, der mich einem Verleger vorstellen wollte, das aber nicht tat, nachdem ich einen anderen Job für ihn versemmelt hatte, dem war es beim Einschmeicheln nicht um meine Comics gegangen. So verdiene ich bis heute mein Geld als Grafiker und hänge meine Seele in die den von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten Comics.

Perspektiven

Ich zeichne nicht für Zielgruppen. Ich warte auf Geschichten: „Geh nicht auf die Bühne, es sei denn, Du hast eine Geschichte zu erzählen“ sagten die Lehrer an der Schauspielschule. Jetzt, mit (schluck) 58, warte ich noch immer auf meine Geschichte. Das ist okay. An Charles Schulz, der es mit seinen „Peanuts“ in über 50 Jahren auf mehr als 17.000 Strips brachte, komme ich im Leben nicht mehr ran, es sei denn, ich werde 108, wogegen ich im Prinzip nichts hätte. Bill Watterson hatte seine Geschichte 1995, mit Mitte dreißig nach zehn Jahren „Calvin & Hobbes“ erzählt. Das schaffe ich noch vor dem Siebzigsten, wenn ich in den nächsten fünf Jahren die Geschichte finde, die Leute ein Jahrzehnt bei der Stange hält.

Ich hab meine Ivy und ihre Bar ins Herz geschlossen, mit ihrem einzigen Gast, der in über 20 Jahren ohne Namen auskommt. Ich bin bei den beiden, deren Geschichte ist, dass sie halt ihr Leben in einer Kneipe verbringen. Denn das ist okay. So viele Menschen verbringen ihr Leben damit, darauf zu warten, dass irgendetwas Magisches endlich passiert. Diese Leute sitzen in Cafés und Kneipen und Bars. Ich brauche keine Einhörner, sprechende Bäume, Zeitmaschinen oder Abenteuer mit Piff und Paff. Ich hab mit Ivys Bar eine Geschichte von Leuten, die im Niemandsland des zukünftigen Vergessens darauf warten, dass ihre Geschichte beginnt, ihre Tapferkeit sind Geduld, Humor und Zuversicht. Das ist nicht wenig und das ist sie wohl, meine Geschichte.

Webcomics

Seit 1997 gibt es Ivys Bar im Web. Compuserve war Mitte der 1990er gerade am Ende, Lexika wurden noch auf CD-ROMs getauscht. Ich zeichnete Comics, die ich für die Fans in den Kneipen im Copyshop vervielfältigte, da kam das Internet in Form von AOL um die Ecke, also meldete ich mich an und zeichnete ab sofort Comics im Internet. Und “Internet, das war damals das geschlossene Universum von AOL – dort ekam man 1MB freien Speicher pro Username, 5 Usernames pro Account, keiner wollte Klarnamen, jeder multiple Persönlichkeiten (eine pro Chatroom). Beim Upload gestattete AOL eine Datei pro Uploadvorgang. Meine Adresse war http://members.aol.com/ivysbar Versucht es nicht. Nicht mal www.archive.org erinnert sich. Ich arbeitete damals übrigens als Chefgrafiker für die SAT.1-Kultcomedy „Die Wochenshow“. Die ersten Homepages der Sendung und der Produktionsfirma „Brainpool“ erstanden auf meine Initiative bei AOL unter http://members.aol.com/wochenshow und http://members.aol.com/brainpool (versucht es nicht …)

Ich hab mir dann früh meine eigene Domain gesichert, Beweis: ivy.de – eine Dreibuchstabendomain, solche sind seit Jahrzehnten ausverkauft. Indem ich die verkaufe, könnte ich mehr verdienen als mit einem Lottogewinn. Ich behalte sie.

Im Internet-Satiremagazin www.zyn.de, einem Ur-Ur-Ahnen von www.der-postillon.com  erfand ich 1999 als erster deutscher Web-Cartoonist überhaupt mit dem Chefredakteur Markus Klein die Cartoonistengruppe „Die Stricher“. Joscha Sauer kam dazu, fasziniert von der Idee der Webcartoons. “Die Stricher” loteten mit viel Spaß die Grenzen des satirisch Machbaren aus, bis uns der Umgang mit den Attentaten vom 11. September 2001 das ZYN-Kollektiv sprengte. Die Ungeheuerlichkeit des Attentats in Manhattan vertrug, unter anderem für mich, keine Witze auf Blödelniveau. Es zeigte sich, dass bei ZYN weder das grafische Talent noch die satirische Schärfe gab, wie sie Künstler wie Cabu, Wolinski, Charb oder Coco von Charlie Hebdo hingelegt hätten. ZYN und Die Stricher waren nach dem 11. September 2001 Geschichte. Eine machte Karriere, die anderen verschwanden im Paralleluniversum der “Hasbeens”.

Was willst Du uns noch sagen?

Das war die letzte Frage des Comicmuseums Erlangen. Okay. Ich nehm noch ein Bier und eine Flasche Wodka.

Ich erhebe mein Glas auf Tomi Ungerer, auf Jean-Claude Forest, Marcel Gotlib, Claire Bretecher, auf Morris, Moebius, Enki Bilal, meinen Freund Oskar den Schnellzeichner aus “Dalli Dalli”, auf André Franquin, Albert Uderzo und René Goscinny, auf Roland Topor, Andrzej Mleczko, Jiří Votruba, Chaval, Bosc, Saul Steinberg, Edward Gorey, Ronald Searle, auf Volker Kriegel, Jean-Jacques Sempé, Jean-Marc Reiser, Georges Wolinski, Cabu, Keith Haring, Robert Crumb, Gilbert Shelton, Maurice “Morris“ de Bevere, Georges Tabary, Charles Schulz, Bill Watterson, Jim Davis, Alex Graham, Reg Smythe, Dik Browne, Johnny Hart und natürlich auf Piotr. Und auf all die anderen. Ihr wisst es, diesseits und jenseits.