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Sven K.2024-05-25T18:35:37+02:002 Kommentare
Heute gibt es ein Vintage-Ivy-Comic, aus Gründen: Der Piratabus ist nicht mehr.
Der Piratabus auf Formentera war die südlichste kölsche Kneipe der Welt. Nicht Kölsch-Kneipe, denn das in Köln beliebte Obergärige gab es nur, wenn Freunde ein Fässchen mitbrachten. Nein, kölsche Kneipe, weil, die Chefin war aus Köln und hatte die Bude mit ihrem spanischen Lover gegründet. Wenn ich das Internet richtig lese, starb der Piratabus letzten Monat einen kölschen Tod: Dead by Klüngel – undurchsichtige Konzessionsvergaben killten die beliebte Strandbar der kleinsten Baleareninsel nach über vierzig Betriebsjahren. Ich selbst war (schluck!) vor fast zwanzig Jahren, in 2003, zuletzt dort, im letzten Jahr, bevor das Eigner-Founder-Dreamteam Edith und Pascual, die Geschäftsführung an gute Freunde abgaben, um nach Jahrzehnten Thekendienst noch etwas Leben zu leben.
Als ich in 2000 zum ersten Mal an der Pirata-Theke stand, fühlte ich mich gleich zu Hause: wäre meine damalige Exfrau nicht dagewesen, alles wäre perfekt gewesen (dringender Rat an alle Menschen in unglücklichen Beziehungen: trennt Euch! Sofort, wenn ihr es merkt!). Ich lernte am Piratabus den Zeichner-Kollegen Chris Heise kennen, der untervögelte Comics im Don-Martin-Stil zeichnete und der der Erste war, der mich sah und sagte: „Waaas? DU bist Sven K., der Ivy-Zeichner?“ und der mir dann einen Hierbas ausgab, der Beginn eines von mehreren denkwürdigen Besäufnissen.
An der Theke des Piratabus entstanden unzählige IVY-Comics. Vor zwanzig Jahren. Ja. Ivy ist wie DAS PHANTOM: Sie ist die wandelnde Barfrau, die niemals stirbt 😎 Als ich in Ediths Facebook-Post das Abschiedsfoto vom Piratabus sah, bin ich sofort in die Kisten gestiegen und hab die Comics gesucht, die ich damas am Bus bei Hierbas und San Miguel gezeichnet habe. Eins hab ich euch hier rausgesucht. Voilà. Wollt ihr mehr?
Sven K.2025-01-12T00:59:27+02:000 Kommentare
1978. Charles Bukowski grinst breit in die Kamera: „Okay! Then, where are the whorehouses?“ Mit diesen Worten steigt der Underground-Autor nach einer Rundfahrt durch den Hamburger Hafen von einer wild schaukelnden Schaluppe. Hank, der mit seiner Strickmütze, dem zerfurchten Gesicht und Dreitagebart selbst als Hafenarbeiter durchgeht, ist nicht mal sechzig, sieht aus wie achtzig und hat beste Laune.
„Berühmt nach dem Tod? Nein. Ich wollte gut genug schreiben, um die Miete zu bezahlen und was zu trinken zu haben. Ich hatte das Gefühl, dass ich im Vergleich zu den anderen gut schreiben konnte, aber ich knüpfte keine Erwartungen daran. Ich wollte überleben, das nackte Überleben.“ Charles Bukowski
Abends liest er vor hunderten Fans und einigen Zwischenrufern, die man heute Hater nennen würde. Er liest kurze Texte, Fragmente, Gedichte, die vor gelebtem Leben und viel, viel Humor triefen. Zwischendurch zündet er hustend eine Zigarette nach der anderen an, mit deren Qualm er sich einhüllt, als seien es Nebelkerzen. Nach dem soundsovielten Zwischenrufer sagt er nur halb ironisch, er wisse nicht, ob das eine sehr lange Lesung werden würde. Als eine neue Flasche Wein gereicht wird, entkorkt er sie zufrieden schmatzend und sagt, na, das sähe wohl doch nach einer längeren Lesung aus.
Das Publikum, im Anschluss an die Lesung befragt, spricht darüber, dass Bukowski über Sex und Suff spricht. Es spricht nicht darüber, dass er vom Leben erzählt. Und hat damit ein Problem, das deutsches Publikum bis heute hat. Deutsches Publikum ist völlig immun gegen die Tatsache, dass, was man erzählt und wie man es erzählt, völlig wumpe ist; dass es die Geschichte ist, die etwas interessant macht. Deswegen wird in Deutschland gern völlig belangloses Zeug veröffentlicht, Zeug, das nichts erzählt, denn die Leute bepissen sich schon vor Lachen, wenn nur jemand eine Flasche Bier aufmacht und „Titten“ sagt.
Dabei ist es so schön, wenn Sex, Suff und eine schöne Geschichte eins sind.
