Rue d’Eupatoria

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Jedes Mal, wenn wir im Pariser Appartement waren, war der Blick über den Place Maurice Chevalier ein Highlight.

Wir dachten sofort an die Zeichnungen von Sempé, als wir in der Rue d’Eupatoria aus dem Fenster sahen: Filigranes Geäst winterkahler Bäume, von oben strichdünn wirkende Menschen auf ihren täglichen Wegen. Während wir aus dem Fenster schauten, servierte der Jazzsender TSF im Hintergrund Duke Ellington und Django Reinhardt. Mehr Paris ging nicht.

In der Boulangerie gegenüber gab es Rosinenschnecken mit giftgrüner Pistazienfüllung unter einer mehr als großzügigen Portion Zuckerguss.

Ganz hinten in der Rue de Ménilmontant fuhr der Bus Richtung Bahnhof Montparnasse und nach einem Viertelstündchen zu Fuß war man am Friedhof Père Lachaise, wo wir Michel Petrucciani und Frédéric Chopin beim Improvisieren zuhörten während nebenan Pierre Desproges ein giftige Worte über den Weg warf und Alain Bashung ein paar Liedzeilen durchs Gebüsch nuschelte.

Jedes Mal, wenn etwas ganz besonders ist, pflücke ich ein Blümchen zur Erinnerung. Und ich meine nicht die sogenannten besonderen Momente, die normalerweise dokumentiert werden. Die Momente, in denen Fotos entstehen, auf denen sich jeder zu dick oder zu faltig findet, die dokumentiert sind in unzähligen Alben, in denen Kerzen auf Kuchen ausgeblasen, Flaschen entkorkt, Babys gewickelt und Särge versenkt werden. Nein, ich dokumentiere besonders die scheinbar unbesonderen Orte, die, die so oft undokumentiert bleiben. So hab ich im Februar 2010 die Handykamera fünf Minuten aus  dem sechsten Stock der Rue d’Eupatoria 1 auf den Place Maurice Chevalier gehalten.

Und diese fünf Minuten Handyvideo halten tatsächlich ein wenig des Zaubers fest. Gerade weil besonders wenig passiert. Und das wird nie langweilig. Uns jedenfalls.

14. August 2022|

In der Warteschlange poppen

Vorsicht, es wird glitschig.

Die dritte Staffel der Superhelden-Persiflage „The Boys“ auf Amazon Prime fängt an mit einem fingernagelkleinen, schwulen Superhelden, der seinem Lover nackt und erigiert in die Harnröhre klettert, um ihn von dort zu stimulieren. Leider muss der Kleine dann niesen, wodurch er wieder auf normale Menschengröße aufpoppt, was den Lover förmlich zerfetzt. All das zeigt Amazon Prime kompromisslos explizit und mit visuellen Effekten auf der Höhe der Zeit.

Fun Fact 1: Bei Twitter-Ads wurde ich schon für weit weniger Explizites als diese Beschreibung gesperrt.

Der Sohn kommt zurück aus dem Berliner Berghain (das ist diese große Disco hinter Getränke Hoffmann) und erwähnt Leute, die schon in der Warteschlange poppen.

Warum erzähl ich das. Weil man mir sagte, meine Comics seien altbacken, nicht auf der Höhe der Zeit. Indes kenne ich Koks, Suff und bekloppte Exzesse, an- und ausgezogen, daheim und unter Leuten. Ich weiß aber auch, dass man sich nach den Exzessen dieselben Fragen stellt, dieselben Ängste hat, wie wenn man sich besäuft, voll bekleidet oder nicht, in der Disco hinter Getränke Hoffmann oder vor dem Sonntags-Tatort. Also: Altbacken, my ass. Jeder Bäcker weiß, dass ein Brot mehr Aroma bekommt, wenn man altes Brot einweicht und in den frischen Teig gibt.

Es gab Momente, in denen ich Ivy bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgezogen gezeichnet habe. Grad tu ich das nicht, denn ich brauch das grad nicht, um zu erzählen, was ich erzählen will.

Fun Fact 2: Nackt ist Ivy im Grunde immer, wenn ich sie zeichne, bevor ich ihr das kleine Schwarze von Coco Chanel übertusche. Vielleicht biete ich bei Steady irgendwann mal einen Nude Patch an für meine Comics. Ivy im Berghain, muhahaaa.

Und die dritte Staffel „The Boys“ fängt nicht nur in sexueller Hinsicht ziemlich geil an. Obwohl ich lieber noch eine Staffel „Ozark“ gehabt hätte und am liebsten mit Julia Garners großartiger Ruth Langmore.

12. Juli 2022|

Sockenschuss

Ich sehe die westliche Welt derzeit als Titanic: Da stehen wir, hilflos angesichts des intellektuellen und kulturellen Rückschritts. Einerseits kann sich jeder ausdrücken, andererseits töten wir den Dialog, die Nuance, die Reflexion. Wir schießen uns auf mehreren Ebenen ins eigene Knie. Aber das ist Teil dieser Titanic-Reise und irgendwann wird die Kugel durch den Fuß gehen, dann durch den Bauch der Titanic und dann kommt das Wasser. Enki Bilal

4. Juli 2022|

Orte der Begegnung

Dass man schon länger auf dem Planeten ist, merkt man selbst ja nicht. Man hört ja immer noch gute Musik! Indes, es ist die Musik, die vor Jahren, ja vor Jahrzehnten gut war, und heute sagt niemand mehr „indes“. Und dann kommt der Lütte, Mitte zwanzig, und findet keine Pointe in dem Comic, in dem sich eine Frau wundert, dass das Kriterium für den männlichen Wunsch nach Sex ist, dass eine Frau den Raum betritt. Er sagt achselzuckend, vor seiner Berliner Stammdisco fände schon vor Betreten des Raums, noch in der Warteschlange die ersten Fistfucks statt. Dass man, wie zu meiner Zeit, zum Ficken aufs Klo ging, erscheint heute geradezu unappetitlich. Das allerdings, war es auch früher schon. Und Pink Floyd und Earth, Wind and Fire hört man, habe ich mir sagen lassen, auch beim Fistfuck noch bis heute. Take care. Stop the war.

4. Juli 2022|

Julia Garner

Schaue gerade OZARK und wenn das Universum so bekloppt wird, um mir einen Wunsch zu erfüllen (nach der bedingungslosen und sofortigen Herstellung des Weltfriedens auf alle Zeit), dann bitte eine Realverfilmung von IVY’S BAR mit der unvorstellbar großartigen Julia Garner in der Hauptrolle.

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24. Juni 2022|